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Macht des Verzichts

Zur Podiumsdiskussion, die als Eröffnungsveranstaltung die Ringvorlesungen im WS 2019/2020 einleitete, kamen so viele Zuhörer/innen, dass der große Hörsaal in der LMU schier aus allen Nähten platzte.
Als Diskussionsgäste geladen waren:

  • Prof. Dr. Christof Mauch, LMU
  • Greta Tauber, Journalistin,
  • Nikolaus Piper, Süddeutsche Zeitung,
  • Prof. Dr. Harald Lesch, LMU
  • Raphael Fellmer, Mitbegründer foodsharing & SIRPLUS

Die Moderation übernahm Christoph Süß, BR

In seinem Grußwort sprach Prof. Dr. Hans van Ess die Vielseitigkeit dieses Themas an, das nicht nur den Kampf gegen den Klimawandel betriff, der in vielen Pressemitteilungen bereits als „Ersatzreligion“ bezeichnet wird. An welcher Stelle müssen wir Verzicht üben? Ist Verzicht nur eine persönliche Angelegenheit oder kann/darf Verzicht „verordnet“ werden. Ist Verzicht eine Glaubensfrage und in welchen Beziehungen stehen Verzicht und Wissenschaft?

Professor van Ess dankte dann vor allem der Münchener Universitätsgesellschaft, die die Ringvorlesung seit vielen Jahren fördert. Diese herzlichen Worte waren an Frau Hildegard Debertin, Leiterin der Geschäftsstelle und Dr. Jürgen Römpke, Mitglied des Vorstands gerichtet. Ein besonderer Dank ging auch an die Gesamtorganisatorin, Frau Dr. Sandra Mikli.

Christoph Süß eröffnete die Diskussion mit der Frage: Wer entscheidet auf was verzichtet werden soll?

Christof Mauch, Historiker stieg mit der These in die Diskussion ein, dass der Konsum das Problem sei und sieht den Begriff „Verzicht“ eher negativ. Für ihn herrsche derzeit ein totaler Exzess, der zur Folge hat, dass wir eine Identifikation des Unbrauchbaren benötigen, mit einem Begriff der positiver anmutet. Entscheidend dazu, so Mauch, trägt die Berichterstattung bei. Wichtig seien Nachrichten, die die Macht haben, Veränderungen herbeizuführen. Tatsache sei, dass ein Verzicht auf Reichtum und Umweltzerstörung dringend notwendig ist. Ebenso notwendig, wie politische Anreize zur Reduzierung des Konsums. Je reicher die Städte, desto mehr Abfall bleibt.

Greta Taubert, stimmte zu, dass der Begriff „Verzicht“ schwer zu verkaufen sei. Die Menschen würden lernen, Bedürfnisse mit der Kreditkarte zu befriedigen. Sie ist der Meinung, dass Verzicht nicht ohne Bewertung auskommt. Sie selbst lebte mit dem Verzicht auf viele Konsumgüter und lernte so deren Werte kennen. Für sie war dies eine Wertschätzung, die entsteht, wenn Möbel aus eigener Hand erstellt oder Karotten selbst angebaut werden. Der selbst ausgeübte Verzicht hat sie zu mehr Zeit in ihrem Leben und zu ihrem persönlichen Reichtum gebracht.

Raphael Fellmer, der mit seiner Familie fünf Jahre ohne Geld lebte, prangerte die Lebensmittelverschwendung an, die auf Kosten nachfolgender Generationen geht. Für ihn sei es wichtig vegan/vegetarisch zu leben, da die Aufzucht von Tieren zur Gewinnung von Lebensmitteln zu viel Energie und Ressourcen verbrauche.

Nikolaus Piper, gab er zu bedenken, dass die Wirtschaft durchaus auch einmal schrumpfen könne, schließlich sei dies ja schon ein paar Mal geschehen. Piper fügte hinzu, dass Verzicht nur im Kapitalismus möglich sei, nur dort können die Entscheidungen der Einzelnen eingreifen, nicht aber im zentral gelenkten Sozialismus.

Harald Lesch betrachtete die Macht des Verzichts aus wissenschaftlicher Sicht. Wissenschaft habe etwas mit Weltanschauung zu tun, so Lesch. Die Aufgabe der Wissenschaft sei es, der Gesellschaft zu verdeutlichen, worauf es u.a. beim Klimawandel ankomme. Neue Technologien seien notwendig, denn wo es mehr Verbraucher gibt, wird auch mehr Energie verbraucht. Lesch nennt hier als Beispiel den extremen Energieverbrauch, der beispielsweise das Streaming verursache. Seiner Meinung nach brauche das Internet eine Nachhaltigkeitsstrategie, damit es nicht zum Brandbeschleuniger des Klimawandels werde. Verzicht sollte kein radikaler Begriff sein, der zum Kollaps führt. Verzicht sollte auf Freiwilligkeit beruhen.
Seine Fragestellung geht dahingehend, herauszufinden, wie wir es schaffen, auf bestimmte Entwicklungen zu verzichten. An dieser Stelle betonte er, wie wichtig die Steuerung durch die Politik sei und nannte als Beispiel die Diskussionen zum Tempolimit. Noch haben wir Zeit über alternative Lebensweisen nachzudenken, so Lesch.

Christoph Süß resümierte, dass die Themen Verzicht und Klimawandel immer aktueller werden und jeden betreffen. Die Gruppe derer, die am meisten verbrauchen, sei der gehobene Mittelstand. Ökologisch Sinnloses dürfe nicht das Billigste sein.

Die Ringvorlesungen gehen weiter am 29.10.2019 zum Thema „Verzicht am Lebensende – Eine Herausforderung für die Medizin?!, mit Prof. Claudia Brausewein.